FRAUEN

HYBRIDE STATIONEN

Bei diesen  Arbeiten erkennt man ebenfalls menschliche Wesen, die in eigenartiger Weise verfremdet sind, aus unterschiedlichsten Wesenselementen zusammen collagiert sind. Man erkennt auch ein gestalterisches Grundprinzip: Alle Arbeiten sind in der Mitte des Blattes, beanspruchen somit absolute Präsenz, das Umfeld ist nicht gemeinter Raum. Dazu verhilft auch die Symmetrie, die bei den meisten Arbeiten eine wesentliche Rolle spielt, eine Symmetrie, die den Bildern eine fast magische Dichte verleiht.


Ein weiteres Charakteristikum ist auffällig: man muss sich den Bildern öffnen, muss sie genau ansehen muss ihnen fast zu nahe treten. Eigentlich könnte man eine Lupe gebrauchen, um die ganzen feinen Verästelungen, die grafischen Besonderheiten tatsächlich wahrzunehmen.


„Hybride Stationen" nennt Christina Collao diese Werkreihe.

Das Wort 'hybrid' bezieht sich auf etwas Gebündeltes, Gekreuztes oder Gemischtes. Es stammt ab von lateinisch hybrida „Mischling". Soweit der Kenntnisstand von Wikipedia. Unter hybriden Stationen stellen wir uns dann etwas vor, was einen Ort, einen Moment, eine Situation darstellt, die in sich mehrfach gebrochen, gekreuzt mit Anderem, Fremden, bildnerisch gesprochen: collagiert ist.

Soweit können wir das nachvollziehen.


Es sind Wesen mit Hörnern am Kopf, mit Käfern als Ohrringe, mit Fischschwänzen als Leibern.

In der Einladung wird die Nähe zum realismo magico benannt, einer Verschmelzung von realer Wirklichkeit, also dem Greifbaren, Sichtbaren, Rationalem, und einer magischen Realität der Halluzinationen, der Träume. Der realismo magico ist eine „dritte Realität", eine Synthese aus den uns geläufigen Wirklichkeiten, wobei der Übergang zum Surrealismus fließend ist.

 

Der realismo magico ist vor allem auch in der Literatur beheimatet, einer der wichtigsten Vertreter war der erst kürzlich, am 17. April 2014 verstorbene Gabriel García Márquez. Es tut sich hier eine Welt auf, die rational gesehen gar nicht existieren kann, die aber auf einer anderen Ebene ganz selbstverständlich erscheint, eine nicht rationale Logik verkörpert.

 

In der bildenden Kunst kennen wir Leute wie den hier besonders bekannten Franz Radziwill, aber auch ein Werner Tübke, oder ein Rolf Escher sind diesem Verständnis von Realität zuzuordnen.

In jedem Fall handelt es sich bei dieser Weltsicht um eine andere Form der Realität, als wir sie für unsere Alltagsbewältigung gebrauchen können.


Cristina Collao erzählte mir bei unserem Gespräch von ihren ganz existentiellen Erfahrungen im Urwald, bei den Indianer, bei den Riten der Reisen in das Innere im Trance, bei dem Erleben der Natur im halluzinogenen Rausch.

 

Die Bilder, die Sie hier sehen, liebe Gäste, sind Bilder solcher Erfahrungen, es sind teils monströse, teils auch durchaus freundliche Zustandsbeschreibungen, wie die Künstlerin ihre Existenz hier in der Bundesrepublik erlebt, aber es sind eben auch keine Beschreibungen sondern imaginative, fast transzendente Formulierungen. Sie nennt es die „Alchimie der Bilder".

 

Sicher können wir die spezielle Symbolik der angewandten Elemente nur schwer erfassen, so erleben, wie es die Künstlerin sicherlich tat. Aber wir können uns in eine Haltung versetzen, die eintauchen kann in das Mysterium der menschlichen Seele, der unterschiedlichsten menschlichen Befindlichkeiten. Und ihre Bilder können dazu einen Schlüssel bieten.

 

Tilman Rothermel

 

25.04.2014, Bremen, Deutschland

arte@cristinacollao.de